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15-03-10 21:30

Die Europacup-Story

50 Jahre Coupe d'Europe: Paul Gnaier, Grandseigneur des Heidenheimer Fechtsports und Mitbegründer des Coupe d’Europe, erinnert sich:

 
Die Heidenheimer Meistermannschaft mit 5 Titeln hintereinander
im Herrendegen: Kurt Gnaier, Peter Mayer, Paul Gnaier, Klaus Mayer
und Wolfhard Wulz.

„Am Samstag, den 8. April 1961 veranstaltete die Fechtabteilung des TSB (heute Heidenheimer Sportbund) mit ausdrücklicher Genehmigung und unter dem Patronat der Fédération Internationale d’Escrime (F.I.E., Internationaler Fechtverband) den ersten „Coupe d’Europe“ im Fechtsport und zwar im Herrendegen.

Wie kam es überhaupt dazu, dass dieser neue Sportwettbewerb Coupe d’Europe, der nach einer Idee der französischen Sporttageszeitschrift „L’Equipe“ seit 1956/57 im Fußball, ab etwa 1957/58 im Handball und ab 1960/61 im Degenfechten gerade in der knapp 50.000 Einwohner zählenden Brenztalmetropole ausgetragen wurde – und fast unglaublich – auch beim 50-jährigen Jubiläum 2010 in der Heidenheimer Karl-Rau-Halle für die nationalen Degenmannschaftsmeister in Europa seine Faszination und Bedeutung nicht verloren hat, ja die Teilnahme begehrt wie eh und je ist.

Alles begann Ende der 50iger Jahre. Der hsb, damals noch unter TSB firmierend war schon seit Jahren der dominierende deutsche Verein im Degenfechten, stellte die Turniersieger oder Finalisten bei den bedeutendsten europäischen Degenturnieren in Noordwijk (Holland), Arlon, Brüssel und Huy (Belgien), Luxemburg und Mondorf (Luxemburg), Paris, Vittel, Cannes und Besancon (Frankreich), Lugano, Basel, Zürich und Genf (Schweiz), Palermo, Mailand und Pavia (Italien), Salzburg, Graz und Wien (Österreich), Belgrad und Dubrovnik (ehemaliges Jugoslawien), Lissabon (Portugal) und Madrid (Spanien), Tanger, Casablanca und Fes (Marokko) und war auf den deutschen Mannschaftsmeister im Degen abonniert.

Als technischer Leiter der Abteilung und Mannschaftskapitän fiel es mir damals immer schwerer, die erfolgsverwöhnten Leistungsträger der Kernmannschaft immer wieder zu motivieren, sich nicht nur sportlich und finanziell, sondern auch zeitlich zu engagieren. Dazu muss man wissen, dass wir alle Amateure reinsten Wassers waren, die Ausrüstung selbstverständlich jeder aus eigener Tasche kaufen musste und die Verpflegung vieler Turnierfahrten eben aus Mutters belegten Broten bestand und es warmes Essen oft erst wieder zu Hause gab. Jahrelang wurden die Voithianer Peter und Klaus Mayer am Freitag nach Feierabend am Werktor abgeholt, um dann in vielstündiger Fahrt – Autobahnen gab es kaum – den Turnierort, oft im Ausland noch zu mitternächtlicher Stunde zu erreichen. Eine Rückkehr am Montagmorgen um 4:30 Uhr war dann jedoch kein Grund, nicht pünktlich um 7:00 Uhr am Arbeitsplatz zu sein. Ja und der Wulle (Wolfhard Wulz) musste gar immer von seinem Studienort Leoben in der Steiermark für sage und schreibe 35 DM Benzingeld (hin und zurück) erstmal nach Heidenheim anreisen, was letztlich seine Studienzeit nicht unwesentlich beeinflusste! Mein Bruder Kurt kam eigentlich immer direkt aus der elterlichen Backstube zur Abfahrt, wobei er oft noch zuvor den väterlichen Mercedes 170 Diesel loseisen musste.

Da die turnierfreien Wochenenden für zusätzliches Training mit Meister Franz Kühner verwandt wurden, war es schon verständlich, dass die „jungen Männer“ etwas kürzer treten wollten. Da kam mir der neu kreierte Wettbewerb „Coupe d’Europe“, indem die Kempa-Buben von Frisch auf Göppingen im Handball so erfolgreich agierten, gerade recht, um meinen Mannen noch einmal einen neuen Reiz zu setzen. Mit Walter Wiedenmann unserem Organisationsleiter, Bruno Morawetz, dem damaligen HZ-Sportredakteur und späteren ZDF-Sportberichterstatter, setzten wir uns bei der alljährlichen vom Württembergischen Landessportbund veranstalteten Ehrung der deutschen Meister mit den damals schon sehr erfolgreichen Handballern von Frisch Auf Göppingen zusammen und ließen uns über den Spektakulären Europa-Pokal-Wettbwerb informieren. Danach ließ uns der Gedanke, auch im Degenfechten einen solchen Wettbewerb ins Leben zu rufen, nicht mehr ruhen.

So fand in Verbindung mit dem „Heidenheimer Pokal“ und nachdem mit der Fertigstellung der Karl-Rau-Halle auch eine sportliche Wettkampfstätte vorhanden war, 1960 ein Probelauf für den Europa-Pokal statt. Mit 16 Mannschaften aus 8 europäischen Ländern gelang sportlich wie organisatorisch ein vorzüglicher Auftakt. Daraufhin beantragte 1961 der Deutsche Fechterbund beim Internationalen Fechtverband in Paris die Durchführung des 1. Europa-Pokals in Heidenheim.

Bereits beim ersten, nunmehr offiziellen Europa-Pokal 1961 gingen die nationalen Landesmeister aus 16 europäischen Nationen an den Start. Kultusminister Prof. Gerhard Storz ließ es sich damals nicht nehmen, den von ihm gestifteten und von Bildhauer Albrecht Kneer geschaffenen Wanderpreis dem Sieger Legia Warschau aus Polen persönlich zu überreichen. Nach dem Vorbild des Heidenheimer Europa-Pokal- Wettbewerbs – einem Novum in der Fechtgeschichte überhaupt –  wurde in den nachfolgenden Jahren auch in den Disziplinen Herren-Florett in Paris, Damen-Florett in Turin und Säbel in Budapest diese Idee aufgegriffen.

Mit Genugtuung können die Heidenheimer auch heute noch nach 50 Jahren feststellen, dass kein anderer der Fecht-Europa-Pokale ein solches Interesse und damit Meldeergebnis aufzuweisen hat, wie das „ihres“ Coupe d’Europe. Diese Feststellung basiert auf mehren Gründen: zum einen ist Heidenheim weltweit seit nunmehr 50 Jahren eine Hochburg des Fechtsports, der die Erfolge von Monika Ritz, Sabine Krafft, Imke Duplitzer und Karin Mayer sowie Berndt Löffler, Günter Jauch, Patric Draenert, Ralf Bißdorf und Fabian Schmidt ebenso neuen Glanz verliehen haben wie Monika Sozanska, um nur einige zu nennen. Zum anderen werden die Heidenheimer Fechtertage von einem großen Teil der Heidenheimer Bevölkerung ebenso mitgetragen wie von Staft, Land und Bund, aber auch von Sponsoren, Freunden und Gönnern der einheimischen Industrie, dem Handel und Gewerbe.

Beispielhaft ist in Heidenheim die Verwirklichung der Völkerverständigung durch den Sport, denn Dutzende von festen menschlichen Kontakten und Freundschaften aus allen Bereichen der Bevölkerung mit den Teilnehmern und Gästen des Coupe d’Europe werden während der Fechtertage bis hinein in die Familien gepflegt und alljährlich erneuert und vertieft. Gerade Letzteres macht nach Aussage der Gäste Heidenheim so persönlich wie liebenswert und veranlasst so manchen nationalen Degen-Mannschaftsmeister für den Coupe d’Europe zu melden, auch wenn sportlich keine besonderen Lorbeeren erwartet werden können.

Meine Rechnung, den Heidenheimer Degenfechtern mit diesem europäischen Wettbewerb einen neuen Reiz zu schaffen, ging im übrigen voll auf. Immer wieder in den zurückliegenden 50 Jahren war der Coupe d’Europe Anlass das Training zu optimieren, was sich dann auch verschiedentlich zu zählbaren Erfolgen wie ein Vordringen unter die besten Vier oder gar ins Finale auswirkte.“
Paul Gnaier, u.a. Ehrenpräsident im EFB und Ehrenvorstand im hsb.

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Turnierdokumentation "Heidenheimer Pokal"
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